Zwei Ultras auf dem Weg nach Berlin

Mitte August sind die beiden Steinberger Ultraläufer Bodo Hoffmann und Erich Storz in Berlin beim Mauerweglauf angetreten. Um ihr großartiges Erlebnis in Worten zu fassen, haben die beiden einen Bericht geschrieben. Neugierig geworden? Dann lesen Sie was die beiden Helden für eine Aufregende Geschichte präsentieren.

Am 16. August war es soweit und die zwei Ultraläufer Erich Storz und Bodo Hoffmann vom SC Steinberg machten sich auf den Weg zum Mauerlauf nach Berlin, passend zum 30 jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Dieser Lauf über 100 Meilen (161 km) folgt den alten Militärwegen der Mauer und dem Mauerverlauf zwischen Westberlin und der ehemaligen DDR. Neben der sportlichen Herausforderung die 161 km in einem Stück zu meistern, geht es bei dem Lauf aber auch darum, das Gedenken an die Mauer, die Teilung Deutschlands und vor allem an die Menschen, die ihr Leben an der Mauer verloren haben, im Bewußtsein zu halten. Dieses Jahr wurde an Dieter Wohlfahrt gedacht, welcher als Fluchthelfer tätig war und im Dezember 1961 bei einer Fluchthilfe in eine Falle geriet und ums Leben kam. Hierzu hatten die Läufer die Möglichkeit, ihre Gedanken an Dieter Wohlfahrt niederzuschreiben und während des Laufs am Ort seines Todes an einer Pinnwand zu befestigen.

Nach der obligatorischen Einweisung und der lauftypischen Pastaparty am Freitagabend startete der Lauf in einem Sportstadium in Berlin am Samstag um 06:00 Uhr. Von nun an hatten die Läufer maximal 30 Stunden Zeit um die Strecke zu bewältigen. Dabei gab es auf der Strecke 26 Verpflegungspunkte mit Getränken, toller Stimmung und verschiedenen Angeboten zum Essen, welche von den beiden Läufern unterschiedlich genutzt wurden. An drei dieser Verpflegungspunkte konnten die Läufer zudem vorher aufgegebene Sachen hinterlegen lassen. So wurden neue Schuhe, neue Kleidungsstücke, Essen und die verpflichtende Nachtausrüstung (Stirnlampe + Warnweste) hinterlegt und zum passenden Moment aufgenommen. „Ein kleiner Logistikakt ist das schon, zu planen was man wo braucht und was man alles ggf. noch brauchen kann. Und das muss dann noch in einen kleinen Sack reinpassen, das gibt es bei einem Marathon nicht“ sagte Bodo Hoffmann vor dem Lauf.

Der Lauf selber ist voll von Erinnerungen an die Opfer und die Geschichte. An allen Stellen, an denen es Maueropfer gab, befinden sich heute stählerne Säulen mit Namen und Bildern und laden selbst in einem Wettbewerb ein, auch mal kurz eine Pause zu machen und zu gedenken. Man sieht Reste der alten Mauer, die man als Berlinbesucher nicht besuchen würde, bewegt sich auf geschichtsträchtigen Wegen und kann hautnah miterleben, wie sich dieses Land entwickelt hat und aus dem ehemaligen Todesstreifen Parks, blühende Landschaften oder tolle Wohngebiete geworden sind. So lernten die beiden Läufer neben Berlin auch Teile von Brandenburg und Potsdam kennen, besuchten die Oberhavel, Schloss Sacrow, die Gedenkstätte Griebnitzsee, die EastSide Gallery, Checkpoint Charly und natürlich das Brandenburger Tor und rannten mitten durch das Regierungsviertel.

Erich Storz hat dieses Spektakel nun schon zum 5. mal erfolgreich gemeistert. Sein Lauf sollte noch einmal zu einer neuen Bestzeit für ihn werden und ihm den sogenannten „Buckel“, eine Gürtelschnalle verschaffen, welche die Läufer erhalten, die diese auch läuferisch sehr anspruchsvolle Strecke mit teilweise sehr schwerem Untergrund innerhalb von 24 Stunden bewältigen. Nach gutem Start aber nur wenig Spielraum merkte Erich leider bald, dass er sein Ziel nicht mehr erreichen konnte, die Strecke in 24 Stunden zu bewältigen und machte das, was Ultraläufer dann machen: Druck rausnehmen um gut im Rahmen des Zeitlimits ins Ziel zu kommen  und auch mal genießen, den tollen Lauf und die Stimmung mitnehmen. Am Ende kam Erich mit beachtlichen 27 Stunden und 17 Minuten ins Ziel und war damit von 454 gestarteten Einzelläufern der 275. Aber noch viel wichtiger, er war der älteste Läufer, des gesamten Feldes, der diese Strecke erfolgreich bewältigt hat und konnte sich ordentlich im mittleren Feld behaupten.

Bodo Hoffmann hingegen war als „Neuling“ angetreten. Angespornt von den Berichten von Erich und der Tatsache, dass Erich dabei sein wird, hat er sich letztes Jahr dazu entschlossen, den Lauf zu machen. Sein Ziel war es, anzukommen und zu genießen und zu lernen, da er noch nie so eine auch nur annähernd lange Distanz an einem Stück  gelaufen ist. Im Training waren es dann zwar auch schon mal 60km Läufe und ein Wettkampf über 100km in Biel, aber das „Ungewisse“ war ihm dann vor dem Lauf anzumerken. Von der Aufregung beflügelt, ging es bei ihm im flotten Schritt los und nach 60km hatte er gegenüber seinem eher konservativ geplanten Laufplan schon 1.5 Stunden herausgelaufen, wohlwissend, dass so etwas üblicherweise zum späteren Zeitpunkt zum Verhängnis werden könnte. Ab km 60 wurde er dann auch mit dem Fahrrad von seiner Freundin bis zum Schluss begleitet und als eines von 200 Duos sind sie dann auch nachts um 01 Uhr durch die feiernden Massen von Kreuzberg gerannt, Bodo mit Stirnlampe vorne weg, gefolgt von seiner Begleitung wild klingelnd, so dass die Massen den Weg frei machten und die beiden und andere Läufer passieren ließen. Doch bevor Bodo in Kreuzberg ankam, hatte er von km 90 an mit Knieschmerzen und zwischen km 100 und 130 mit Übelkeit zu kämpfen, so dass Teile der Strecke im Gewaltmarsch bezwungen wurden und die Pausen an den Verpflegungspunkten auch mal ausgedehnt wurden um mit den anderen Läufern oder den tollen freiwilligen Helfern zu fachsimpeln. Aber viele Läufer wissen, dass es irgendwann dann wieder besser wird und so war es dann auch hier. Die Zeiten wurden wieder schneller, weniger Gewaltmärsche und 20 km vor Schluss schaute sich das Duo an und wusste, dass das gesetzte Ziel noch unterboten werden kann. So ließ Bodo trotz Knieschmerzen einen nach den anderen Läufer hinter sich, fegte durch die Stadt, direkt am Brandenburger Tor vorbei ohne es zu bemerken, da er nur noch das Ziel und die Ampeln, die man selbst Nacht um 1 Uhr nicht bei Rot überqueren darf, ohne disqualifiziert werden zu können, vor Augen hatte und konnte am Ende mit 20 Stunden und 40 Minuten eine sehr gute Debutzeit als 62. herauslaufen.

Schnell noch einmal ins Bett gehen und ein Runde schlafen, bevor um 14 Uhr die Siegerehrung begann bei der Erich neben der Finishermedallie auch eine „Back2Back“-Medallie für zwei aufeinanderfolgende Finishes bekommen hat.  Abschließend sind dann die beiden Läufer gemeinsam mit Begleitung noch Essen gewesen und haben den Tag ausklingen lassen, bevor sie dann früh, erschöpft und zufrieden ins Bett gegangen sind und am Folgetag die Heimreise angetreten haben.

Berlin ist eine Reise wert und der Mauerlauf ein besonderes Erlebnis. Neben der sportlichen Herausforderung, der tollen Landschaft und der spannenden Strecke bekommt man einen besonderen Teil der deutschen Geschichte präsentiert und gedenkt derer, die ihr Leben auf der Suche nach einem besseren Leben verloren haben und an die die Ultraläufer als laufende Botschafter auf ihrem 100Meilen Lauf auch ganz oft fragende Passanten erinnerten. Eine merkwürdig aktuelle Situation.